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Niesen am 23.06.2008

Ja, ich weiss, das Datum der Überschrift hinkt dem Datum des Eintrages etwas nach… ;-)

Eigentlich wollte ich gar nicht an den Niesen. Von dem Berg bin ich bisher nie wirklich toll zum Fliegen gekommen, im Speziellen ists mir noch nie gelungen, der Kante entlang ohne grossen Aufwand nach Adelboden zu gelangen. So war ich etwas skeptisch, aber Stefan konnte mich dann doch überzeugen.

Um 9 Uhr treffen wir uns in Bern. Wir, das sind heute Bruno, Stefan und ich. Alle noch etwas übermüdet, aber egal, der Tag hatte mit blauem Himmel begonnen und die Thermikprognose war auch nicht schlecht, das heisst, wir sind bereit. Nicht so der Zug nach Mülenen, der hat mit Bremsproblemen zu kämpfen und so dürfen wir noch ewas den Bahnhof Bern geniessen, mit leichten Sorgenfalten, dass wir eventuell das Bähnli auf den Niesen verpassen könnten und somit eine wertvolle halbe Stunde Thermikzeit in Mülenen werden totschlagen müssen. Obwohl, eigentlich ist dies vor allem meine Sorge, Bruno und Stef kümmert das nicht so… ;-)

Wir kommen dann doch noch an, nicht ganz rechtzeitig, das Bähnli will grad abfahren, nimmt uns nach etwas Überzeugungsarbeit aber zum Glück noch mit. Der erste Kampf für einen tollen Flug ist somit schon gewonnen, was soll uns denn jetzt noch gross bremsen…

Einmal oben angekommen spür ich schon das Reissen und verbreite ein klein wenig Stress um Bruno und Stef auch zum unverzüglichen Starten zu bewegen ;-) Die möchten noch etwas die Aussicht geniessen, danach steht mir im Moment gar nicht der Sinn, es ist schon eine wundervolle Thermikbrise zu spüren. Am Startplatz trefen wir, für mich überraschend, nur auf etwa 4 weitere Piloten. Ein Omega 7 ist grad gestartet und macht sich direkt auf in Richtung Adelboden. Er fliegt tiefer u nd tiefer, alle warten drauf, dass er mal irgendwo eindreht, aber er scheint einfach einen Abgleiter ins Nirgendwo zu machen. Bald starten weitere Piloten, diese machen sich aber auf in Richtung Niesen-Bergstation, wo man zuverlässig überhöhen kann.

Inziwschen sind auch wir bereit und starten, auch wir machen erst mal Höhe beim Gipfelrestaurant. Da man aber eh nicht sehr viel weiter als bis etwas über den Gipfel kommt machen Stef und ich uns auf den Weg nach Adelboden. Und siehe da, heute scheints doch auch für mich mal gut zu fliegen, es geht bald schon über den Grat. Jetzt bilden sich auch die ersten Cumulusansätze, die Basis ist nicht sehr hoch aber doch deutlich über Grathöhe. Zügig gehts weiter bis über den Tschenten, wo ich nach Westen abbiege. Stef folgt etwa 1 Gipfel, Bruno etwa 2 Gipfel weiter hinten.

Auf dem Weg nach Mülenen haben wir auf die Segelflugkarte geschaut und abgemacht, dass wir’s nach Gstaad versuchen wollen. Ob’s und wie’s weitergehen soll werden wir sehen… Also nicht wirklich viel geplant, aber ich mags so, damit bleibt genügend Spielraum, um sich den Wetterbedingungen anzupassen und die Pläne entsprechend zu ändern.

Bis jetzt gehts gut vorwärts, nicht super schnell, aber es ist auch erst halb zwölf Uhr. Am Rothorn (übrigens Stef: Dort gibt es eine Mieschflue :-) ) komm ich wieder bis auf gut 2700m und mit dieser Höhe wird über Zweisimmen gequert. Der Südwestwind ist hier allerdings deutlich zu spüren, es geht nicht sehr toll vorwärts und für die nicht sehr weite Querung benötige ich tausend Höhenmeter. Dementsprechend bin ich froh, dass es westlich von Zweisimmen an einem recht unscheinbaren Hang plötzlich zaghaft anfängt zu steigen. Ich drehe ein und bin zu Beginn einfach mal froh über jeden gewonnenen Höhenmeter. Doch es steigt immer besser und mittlerweile auch recht grossflächig, problemlos gehts es bis an die Basis auf über 3000m.

OK, weiter nach Gstaad. Leider erweist sich das nicht so einfach wie gedacht, als ich die Thermik verlasse erwartet mich ein starker Gegenwind, das GPS zeigt noch ca. 10km/h Groundspeed, so kommt das nicht gut… Ich drehe um 180° und fliege mit einer Geschwindigkeit von knapp 60km/h zurück übers Tal, ab jetzt nur noch mit der Absicht, einfach so weit wie möglich nach Osten zu kommen. Hier mit Rückenwind ist die Gleitzahl hoch und dementsprechend wenig muss ich drehen um Adelboden wieder zu erreichen. Über dem Tschenten gehts wieder auf über 3000m, mit dieser Höhe ist die Querung nach Kandersteg ein Klacks.

Drüben gehts zwar nicht sofort wieder hoch, ist mir aber egal, ich hab immer noch eine komfortable Höhe. Diese Höhe ist es auch welche mich zu dem Gedanken verleitet, von meiner grad erst gefällten Absicht abzuweichen, nicht weiter nach Osten zu fliegen sondern die Querung ins Lötschental zu versuchen. Der Südwind ist hier aber schon gut zu spüren und noch bevor ich richtig losgeflogen bin hab ich auch schon die ganze restliche Höhe verloren… Zum Kratzen gehts zurück nach Kandersteg.

Immerhin hab ich Leidensgenossen, ich treffe ob Kandersteg an der Ostflanke auf zwei Gleitschirme, einen Boomerang 5 und einen blauen Peak. Werden wohl Vater und Tochter Sigel gewesen sein. Übriges, zur Tochter: Sie hat Geburtsjahr 1991, ist also grad mal zarte 17 Jahre alt. Bisher geflogen hat sie einen Arcus, Sigma 5, Omega 6 und jetzt den Peak. Ob das alles nach dem 15. Lebensjahr gereicht hat… ;-) Naja, die Eltern haben eine Flugschule…

Irgendwie gehts hier aber nicht richtig hoch, der Boomi schaffs irgendwann, der blaue Peak macht sich auf zur Landung und der orangene Peak kann seine Höhe so knapp halten. Irgendwann reichts mir und ich quere auf die Ostseite, wo ich einen interessanten Talwindhang ausgespät habe. Tatsächlich gehts hier wieder hoch bis auf gut 3200m und endlich weg von Kandersteg.

Nun geht erst mal alles gratis. Ohne gross zu drehen gehts am Schilthorn vorbei übers Lauterbrunnental, weiter an die Schynige Platte und ob Grindelwald ans Faulhorn. Locker gehts immer wieder an die Basis auf über 3000m. Zudem ist die Thermik jeweils grossflächig und nicht wirklich turbulent, so richtig zum Geniessen und die bekannten Berner Oberländer Alpengipfel bestaunen, die grad über Grindelwald alle ganz in der Nähe in der Landschaft rumstehen. Und es ist wirklich erstaunlich: Die Gipfel sind jeweils blütenweiss, dort scheints also ab und zu geschneit zu haben, aber schon einige Meter darunter leuchten die Schneehänge in der Sonne gelblich, der Saharastaub färbt sie ein. Und wiederum komm ich zur Einsicht, dass das Berner Oberland landschaftlich zu den wundervollsten Flecken in der Schweiz gehört (hatte ich schon mal bei einem Flug über Interlaken). Dem Tourismus ist das bekanntlich auch nicht entgangen, aber hier oben spürt man nichts davon, diese wunderschöne Landschaft präsentiert sich einem einfach so wie sie ist… Ich geniesse es und mache einige Fotos.

OK, nach der grossen Scheidegg muss ich mich wieder mal um die weitere Flugroute kümmern. Nach wie vor solls weiter nach Osten gehen, aber ich muss mich so weit wie möglich südlich halten, da sich die TMA Meiringen irgendwo noch störend ausbreitet. Ich fliege also etwas weiter südlich nahe dem Wetterhorn, danach dem Wellhorn entlang. Als nächstes Ziel hab ich den Titlis auserkoren. Mit dem hab ich seit gestern noch eine Rechnung offen, da hat er sich mir nicht erschlossen. Heute scheints aber überall hochzugehen und es gibt eigentlich keinen Grund warum es nicht klappen sollte.

Zunächst geht es aber mal übers Urbachtal und danach übes Haslital, es geht
jeweils wieder gratis hoch. Auf über 3000m an der Westflanke des Haslitals sieht alles so leicht erreichbar aus, der Grimsel ist in Griffnähe. Zudem scheint das Haslital gar nicht mal so unlandbar wie immer behauptet wird, zumindest im unteren Teil hats wunderschöne Wiesen. Wie der Wind dort ansteht weiss ich natürlich nicht, aber ich bin mir fast sicher dass, bei schwachen Höhenwinden, hier das Wallis recht locker erreicht weden kann, ist was für ein anderes Mal. Ah, zur TMA Meiringen: Im Nachhinein seh ich, dass ich die leider doch nicht ganz umgehen konnte, hab trotz meiner Bemühungen leider ein Stück darin zurückgelegt. Jo nu so den…

Wie auch immer, weiter gehts über Gadmen an die beeindruckende Südwand des Titlis. Dieser sieht aus dieser Perspektive so komplett anders aus als von Norden betrachtet, eine senkrechte Felswand ragt auf von weit unten bis zum Gipfel, beeindruckend und sehr respekteinflössend, wenn man an einem Fetzen Stoff irgendwo mittendrin am Soaren ist. Ich bin dort auf etwa 2200m angekommen (bin etwas zu indirekt rübergeflogen), hatte also noch genug Höhe, aber auch nicht mehr so sehr viel wie auch schon. Das es raufgehen würde war offensichtlich, unten noch gemischt mit Talwind, ab etwa 2800m und näher am Titlis zügig in einem schönen Schlauch. Meist war übrigens die Gischt von den vielen Wasserfällen zu spüren, die an diversen Orten diese Felswand herabstürzen…Das Foto runter auf die Titlis-Bergstation musste natürlich sein, auch den Gipfel hab ich knapp überhöht, so der Vollständgkeit halber ;-)

Nun, wie soll es weitergehen? Entweder nach Norden, über den Titlis in bekannte Gefilde an die Walenstöcke und weiter das Engelbergeral raus oder nach wie vor nach Osten in Richtung Schächental. Ich entscheide mich für die Route nach Osten, die Basis im Engelbergertal ist deutlich tiefer und jeweils aufdrehen können auf über 3000m ist komfortabel… So gehts weiter über den Sustenpass und am Wichelhorn wieder weit rauf. Etwas weiter nördlich ist dann die Basis leider tiefer, ich drehe so weit auf wie’s möglich, hier bis auf etwas über 2800m, den die Querung übers Reusstal steht an und ich möchte dessen Talwind vermeiden.

Auf der anderen Seite am Schwarz Grat gehts dann nicht mehr so gratis rauf wie ich’s mir vorstelle, der Talwind scheint hier doch schon drüber zu sein. Macht aber nichts, ich hab immer noch genügend Höhe um weiter der Westseite entlang dem Schächental entlang zu fliegen. Seit einiger Zeit verläuft der Flug nicht mehr so sorgenfrei, die Wolken schatten hier recht stark ab und von Westen nähert sich unerbittlich ein Gewitter und treibt mich an, noch so weit wie möglich nach Osten weiterzufliegen, bis zum Klausenpass ists nicht mehr weit. Ohne viel Höhenreserve quere ich deshalb an die Südflanke des Schächentals, hier muss ich aber entgültig mal ne Kratzsession einlegen, ansonsten kann ich den Klausenpass vergessen.

Langsam gehts wieder hoch, aber das Gewitter kommt immer näher, westlich des Reusstales ist schon alles dunkel und s’geht dort wahrscheinlich schon heftig ab. Ich möchte aber nicht landen, es geht langsam aber sicher wieder rauf, einige Minuten noch und ich hätte den Klausenpass, danach wären wieder einige Kilometer geschenkt… Es kostet mich einiges an Überwindung, irgendwann doch aufzugeben und landen zu gehen, bevor es gefährlich wird. Länger hätt ich wahrscheinlich wirklich nicht mehr warten dürfen, bald schon sind die Böen da und die ersten Tropfen fallen als ich die Landewiese verlasse. Es fährt leider kein Bus mehr nach Altdorf, schell nimmt mich aber jemand mit. Eine halbe Stunde lang schüttet es, in Altdorf am Bahnhof scheint dann aber schon wieder die Sonne und das Gewitter verabschiedet sich mit einem Regenbogen, ein super Abschluss eines super Tages.

Im Nachhinein ists natürlich immer noch etwas schade, dass wegen dem Gewitter nicht die gesamte Tagesthermik ausgenutzt werden konnte. Es wären einige Kilometer mehr dringelegen, ich darf gar nicht dran denken. Betrachtet man die Landezeit so wäre es für die 200km allerdings aber knapp geworden, wahrscheinlich hätte es nicht gereicht.
Aber das ist alles Theorie, der Flug war wirklich unvergesslich. Ich konnte einen Flug selten so geniessen, die Landschaft war einfach schaurig schön und über den Titlis fliegen ist eh geil. Was mich erstaunt hat ist, dass ich nach immerhin knapp 7 Stunden Flug nicht genug hatte und immer noch top motiviert war. Und zu guter Letzt wars noch mein distanzmässig längster Flug bis jetzt, konnte den Dourmillouse-Flug um 50m toppen :-)

Hier der Flug auf xcontest.

Stefan und Bruno haben übrigens den Ausflug nach Gstaad gemacht und sind in der Lenk gelandet. Hier der Flug von Stefan auf xcontest.

Uersel Cross Country , ,

  1. Anonymous
    28. Juli 2008, 09:14 | #1

    Hoi Urs,
    hey, ein toller Flug und schön zu lesen. Wo hast Du das Titlis-Gipfelbild. Das wäre noch toll. Liebe Grüsse,
    thomas

  2. AirNatuk
    28. Juli 2008, 18:04 | #2

    Kommt, kommt, bin ja nicht mal mit dem Berichtli zu einer vernünftigen Tageszeit fertig gewoorden… ;-)

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